DER BÄR UND DIE BÄUME

Sowohl der pyrenäische als auch der kantabrische Braunbär sind ausgesprochene Waldtiere. Der Wald stellt den Naturraum dar, in dem sich unsere Bären bevorzugt aufhalten. Hier findet er Zuflucht, Ruhe, Nahrung und hier ereignet sich ein Grossteil seines Sozialverhaltens. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Naturfreund an den Bäumen die Hinweise auf die verschiedenen Aktivitäten des Braunbären ablesen kann. Die meisten dieser Spuren an den Bäumen hinterlassen sie bei der Nahrungssuche (Früchte oder Insekten) oder beim Geruchsmarkieren, um andere Bären auf ihre Anwesenheit hinzuweisen. Schauen wir uns einmal an, welches die hauptsächlichen Marken der Bären an den Bäumen der Pyrenäen oder des Kantabrischen Küstengebirges sind.

   von Gerardo Gaussimont (FIEP) und Roberto Hartasánchez (FAPAS)

Entrindete Bäume

Arten: Fichte (Pyrenäen), Buche und Kiefern (in beiden Gebirgen).

Wann: besonders im Frühjahr, wenn wenig Nahrungsquellen zur Verfügung stehen.

Wo: an abgestorbenen, noch stehenden oder absterbenden Bäumen.

Motiv: der Bär sucht Larven holzfressender Insekten (die das Holz durchbohren und sich davon ernähren).

Vorgehensweise: Mit den Krallen entrindet er den Baum seitlich, da das Abreissen grosser Rindenstücke so einfacher ist. In den Pyrenäen klettert er nicht selten mehrere Meter hoch, um beispielsweise eine tote Fichte zu entrinden.

Spuren: Beim Einschlagen der Krallen und Reissen an der Rinde hinterlässt er typische Marken und seitliche Kratzer. Diese Tätigkeit kann mehr oder weniger Folgen haben, je nach Gesundheitszustand der Bäume.


Bäume mit abgebrochenen Zweigen

Arten: Haselnuss, Kirsche, Mehlbeere, Vogelbeere, Apfel, Feige.

Wann: Im Sommer und Herbst.

Motiv: Erreichen der Früchte dieser Bäume, bevor sie zu Boden fallen und von anderen Tieren verzehrt werden.

Methode: An kleinen Bäumen wie der Haselnuss richtet sich der Bär auf und und biegt die Hauptäste herunter, bis er die Früchte erreicht, dabei bricht er durch das starke Abbbiegen oftmals einen Ast ab; in der Kantabrischen Gebirgskette klettert er beispielsweise auf die Kirschbäume und "kappt" die dünnsten endständigen Zweige, um sie so heranzuholen und die Früchte zu erlangen, ohne vom Baum zu fallen; er ist in der Lage, mehrere Meter hoch zu steigen, um in die Baumkronen zu gelangen.

Spuren: Abgebrochene Zweige und Marken der Krallen am Stamm.


Zerkratzte Bäume

osoarbol3.jpg (13630 bytes)Arten: Fichten, Kiefern Pyrenäen), Buchen und Eichen (Kantabrische Gebirgskette).

Wann: Im Frühjahr und Sommer.

Wo: Bäume an von mehreren Bären stark frequentierten Wechseln (Bergkämme, natürliche Begrenzungen, Bergsättel).

Motiv: Reviermarkierung oder individuelles Erkennen untereinander (insbesondere männliche Bären). Der Bär scheuert sich an einem Baum, um dort seine Witterung zu hinterlassen.

Methode: Beim Scheuern zerkratzt oder zerbeisst der Bär die Rinde und verursacht so kleine Wunden am Baum oder vergrössert bereits bestehende. Gewöhnlich richtet er sich dazu auf und scheuert den Rücken, den Nacken, die Brust oder aber die Hinterbacken, ohne sich aufzurichten. Mitunter setzt er sich auch, um den Rücken zu scheuern. Diese Art Spuren werden am Stamm ab Bodenhöhe bis etwa zwei Meter hoch festgestellt.

Spuren: Zerkratzte Rinde und drei oder vier parallele Marken  in einer Höhe von meistens mehr als 1,20 Meter. Ausserdem finden sich an der Rinde oder an Holzspänen anhaftende Haare. An den Nadelgehölzen bleiben Haare am Harz kleben, die dort zudem noch lange Zeit nach Anwesenheit des Tieres erhalten bleiben. Diese Art markierter Bäume ist in Gebieten schwacher Bärenpräsenz äusserst selten. Sie findet sich häufiger in Gegenden, wo mehrere Individuen leben, vor Allem wenn es sich dabei um ausgewachsene männliche Bären handelt. U.U. nutzen mehrere Bärengenerationen  dieselben Bäume zur Reviermarkierung.

Zerstückelte Bäume und Baumstümpfe

Arten: Sämtliche Arten, Fichte (Pyrenäen), Kiefer, Buche, Eiche.

Wann: Besonders im Frühjahr oder Frühsommer.

Wo: an umgestürzten Bäumen oder an Stümpfen vor Jahren gefällter Bäume.

Motiv: der Bär sucht Larven von Holzinsekten in vermodernden Stämmen, dagegen sucht er in den Kiefernbaumstümpfen hauptsächlich nach Ameisen und ihrer Brut.
osoarbol2.jpg (20609 bytes)Methode: Der Bär nimmt den Stumpf vollständig auseinander, wobei manche Stücke dabei mehrere Meter weit fliegen. Bei umgefallenen Bäumen öffnet er den Stamm seitlich, indem er die Krallen beider Vorderhände in das vermodernde Holz gräbt und es aufreisst. Bei diesen Kraftakten zerbricht er den Stamm in grosse Stücke, die manchmal im Umkreis mehrerer Meter gefunden   werden.
Spuren: Er hinterlässt die Marken seiner Krallen im Stamm sowie ringsumher verstreut die Reste seiner Tätigkeit .


Entrinden von Bäumen auf der Suche nach dem Kambium

Arten: Dies wird an Koniferen der Zentralpyrenäen (Fichte, Tanne, Kiefern) und an einigen Bäumen der Kantabrischen Gebirgskette beobachtet (Kastanien, Weiden)

Wann: In den Zentralpyrenäen ab Ende Mai bis August; in der Kantabrischen Gebirgskette im Mai. Nicht in allen Jahren zu beobachten.

Motiv: Der Bär reisst Rindenstücke ab und raspelt mit den Zähnen das Kambium ab (Gewebe zwischen Rinde und Holz), das dem Holz anhaftet. Das Kambium ist eine an löslichen Zuckern reiche Nahrung, das vom Bären in Zeiträumen oder Jahren geringen Futterangebotes an Früchten genutzt wird.

Methode: Der Bär gräbt seine Krallen in die Rinde oder beisst hinein, um sie zu öffnen, um danach von der Seite (dies ist bei zylindrischen Formen wie derjenigen der Bäume leichter) die Rinde anzuheben, bis es ihm gelingt, einen Streifen abzureissen.

Spuren: Er hinterlässt Marken seiner Krallen oder Zähne am Stamm des Baumes, sowie Marken seiner Zähne in den rings um den Baum verstreuten Rindenstücken.


Spuren vom Klettern auf grosse Bäume

Arten: Ausser auf Kirschbäume der Kantabrischen Gebirgskette steigt der Bär in beiden Gebirgsketten auch auf Eichen, und in den Pyrenäen ausserdem auf die Fichten, wie bereits erläutert.

Wann: Die Eichen erklimmt er im Oktober und November, wenn es Eicheln gibt.

Wo: In Gegenden wo es wenig Eicheln gibt.

Methode: Der Bär klettert den Stamm entlang, indem er die Krallen seiner vier Füsse genauso einsetzt wie ein Fernmeldetechniker seine Steigeisen beim Erklimmen eines Telefonmasten. Wenn er einen Ast erreicht, klettert er auf ihm weiter und versucht, die Eicheln zu erreichen. Ausserdem biegt und schüttelt er die dünneren Zweige, um die Eicheln auf den Boden zu werfen und sie dort zu verzehren.

Spuren: Am Stamm sind abwechselnd die Marken der Krallen der linken und rechten Füsse sichtbar. Zuweilen sind die Marken aller fünf eingeschlagenen Krallen klar erkennbar, und zwar in Höhen von bis zu zwölf Metern .

  
Dieser Auszug stammt aus der Monografie über den Braunbären, die in der Ausgabe Nr.119 der Zeitschrift Quercus (Januar 1996) gemeinsam vom FIEP und FAPAS veröffentlicht wurde.

 

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