DER BLICK DES BARTGEIERS
 
EHEMALIGE UND DERZEITIGE VERBREITUNG

Der immerwährende Vorgang der natürlichen Evolution, der die Lebewesen dazu bringt, erfolgreiche Überlebensstrategien im Naturgeschehen zu entwickeln, ist zweifellos eine unerschöpfliche Quelle von Effizienz und funktioneller Meisterschaft.

Die regellos verstreuten Knochen werden von einem seltsamen und einzigartigem Greifvogel aufgesucht, zerbrochen und verzehrt, der jahrtausendelang die wichtigsten europäischen Gebirgsketten überwacht hat.

Die Veränderung seines Lebensraumes, seine direkte Verfolgung im 20. Jahrhundert sowie seine natürliche Isolierung haben ihn zu einem der seltensten Greifvögel der westlichen Paläoarktis werden lassen.

   
BESCHREIBUNG

Der wissenschaftliche Name des Bartgeiers Gypaetus barbatus nimmt Bezug auf sein Aussehen (Gyps: Geier, und aetus:Adler) und auf die Federn, die wie ein Bart den Schnabel überragen, (barbatus: bärtig). Andere spanische Namen sind: águila barbuda, chivata, barbudo, cascahuesos, quebrantón, oder frangüeso, die ebenfalls diese Eigenart oder aber seine aufsehenerregende Art der Nahrungssuche widerspiegeln.

Er ist ein grosser Greifvogel aus der Familie der Geier, der bis zu drei Meter Flügelspannweite und sechs Kilo Körpergewicht erreicht. Im Flug gleicht er einem grossen Falken mit schmalen und spitzen Flügeln und langem keilförmigem Stoss. Das Gefieder beider Geschlechter ist gleich gefärbt, Kopf und Körper der jugendlichen Tiere sind dunkel, im Alter von sechs Jahren bildet sich das Federkleid der erwachsenen Vögel mit schwarzem Rücken und Flügeln, die den Kontrast zum orangefarbenen Kopf und Bauch bilden. Dieser Farbton entsteht durch das Baden in tonigem Schlamm, eigentlich sind diese Federn weiss, wie sich bei in Gefangenschaft gehaltenen Exemplaren feststellen lässt, die nicht baden können. Seine Augen sind von einem charakteristischen, intensiv rotem Ring auf einer schwarzen Maske umgeben, die bis zum Schnabel reicht.

 
VERBREITUNG UND BESTAND

Der Bartgeier besiedelte noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts die wichtigsten eurasischen Gebirgsmassive sowie einige östliche und südliche Gebirge des afrikanischen Kontinentes, danach ging sein Bestand im Laufe des vergangenen Jahrhunderts drastisch zurück. In Europa gilt er als eine unmittelbar vom Aussterben bedrohte Tierart mit isolierten Populationen in den Pyrenäen sowie auf Korsika und Kreta, letztere sind stark gefährdet. In den Alpen wurde er 20 Jahre nach Beginn eines Programmes zur Wiedereinbürgerung erneut zum Brutvogel.

In Spanien besiedelte er die Gebirgszüge der Cordillera Cantábrica, Sistema Ibérico, Sistema Central, Sierra Morena und Sistema Bético und Penibético. Seine derzeitige Verbreitung beschränkt sich auf die Pyrenäen und ihr Vorland, hier überlebt eine Population, die im Jahre 2004 130 Fortpflanzungsreviere umfasste, und das sind 88% des freilebenden europäischen Bestandes. Seine Ausbreitungsrichtung orientiert sich am natürlichen Korridor, der aus den Gebirgszügen des nördlichen Drittels der iberischen Halbinsel gebildet wird, viele Exemplare bewegen sich von den pyrenäischen Bergen bis zu den Picos de Europa als Hauptsiedlungsfront der Vogelart.

Die Projekte, die zu seiner Erhaltung die Wiederbesiedlung seiner ehemaligen Lebensräume durch Tiere aus den Pyrenäen fördern, stellen die letzte Hoffnung auf seine Rückkehr in diese Berge dar.

   
ERNÄHRUNG

Das Vorkommen des Bartgeiers in den spanischen Bergen ist eng an vorhandene extensive Viehzucht mit Schafen und Ziegen gebunden.

Das Überleben dieser Vögel hängt von der Beibehaltung dieser traditionellen Tätigkeit ab, die jahrtausendelang das Bergland geprägt hat.

Der Bartgeier ist der einzige knochenfressende Vogel unseres Planetes, er ernährt sich fast ausschliesslich von Knochen, die von anderen Fleischfressern verschmäht werden. Etwa 350 Kilogramm Knochen braucht ein Bartgeierpaar mit Küken pro Jahr als Nahrung. Er bevorzugt die Extremitäten mittelgrosser, sowohl wildlebender als auch domestizierter Paarhufer (Schafe, Ziegen, Gemsen....), die er direkt verzehrt. Grössere und schwerer zu verzehrende Knochen werden aufgehoben und aus der Luft auf felsige Gelände abgeworfen, sogenannte rompederos, bis sie in kleinere Stücke zerbrechen. Diese besondere Ernährungstechnik hat ihm zu seinem spanischen Namen Quebrantahuesos (Knochenbrecher) verholfen.

Im vergangenen Jahrhundert führten die Unkenntnis und die fehlgedeutete Beobachtung von Bartgeiern, die Skelette transportierten, zu zahlreichen Legenden hinsichtlich seiner angeblichen Fähigkeit, Kinder oder Jungtiere zu rauben oder sogar Bergwanderer in den Abgrund zu stossen. Seine seltsame ErnährungSweise, die fast ausschliesslich auf Knochenresten basiert, gibt seinem Kot eine feste kreideähnliche Beschaffenheit.

 
LEBENSRAUM

Der Bartgeier ist auf grosse Bergmassive angewiesen, wo er eine grosse Bandbreite verschiedener Ökosysteme findet: Weideland, Wälder, Felsabstürze, usw. Hier herrschen offene Bereiche vor, die den Flug und das Auffinden von Nahrung erleichtern, sowie steile Felswände mit Höhlen, Simsen und Spalten zum Anbringen seiner Nester. Für seine Fortbewegung nutzt er die Hangwinde entlang linealer Berggrate. Er findet sich in Gebieten mit hohen Weideviehbeständen oder mit dichten Populationen wildlebender Paarhufer und überfliegt weite Gebiete auf der Suche nach Nahrung.

Im Allgemeinen befindet sich sein Lebensraum in dünnbesiedelten Gebieten mit anthropogen geformten Landschaftstypen.

Massnahmen zusätzlicher Fütterung (Luderplätze) in den Pyrenäen waren entscheidend für die Wiederherstellung des Bestandes, weil so die Überlebensrate der Jungtiere durch die Einrichtung kontinuierlicher und fester Nahrungsquellen erhöht wurde, dazu kam die Verringerung der Todesrate durch Vergiftung.

 
FORTPFLANZUNG

Die Fortpflanzungseinheiten bestehen aus zwei bis drei Alttieren, im letzteren Fall handelt es sich um die sogenannten poliandrischen Trios, die scheinbar aus zwei Männchen und einem Weibchen bestehen. Jede Fortpflanzungseinheit verfügt über drei bis sieben Nester, die abwechselnd genutzt werden. Sie befinden sich bevorzugt in Höhlen, und der Fortpflanzungserfolg hängt von ihrer Qualität hinsichtlich Ruhe, Höhe und Örtlichkeit ab.

Die Fortpflanzungseinheiten bleiben das ganze Jahr über in ihrem Brutrevier. Die Balz und der Nestbau beginnen im Oktober-November und dauern bis Dezember. Sie errichten umfangreiche Nester mit bis zu 4 Meter Durchmesser und 250 Kilogramm schwer. Die ersten Gelege erfolgen im Dezember, und die letzten Anfang März. Sie bestehen aus einem bis zwei Eiern, die von beiden Elterntieren während 54-58 Tagen bebrütet werden. Von diesen beiden Eiern überlebt nur eines, denn hier wird ein Verhaltensweise, der Kainismus beobachtet, das erstgeborene oder stärkere Küken tötet stets das Schwächere. Das Küken bleibt etwa 120 Tage im Nest, bis im Juni die ersten Flugversuche stattfinden. Während dieser langen Brutperiode teilen sich beide Geschlechter die Aufgaben dieser 6 Monate dauernden Aufzucht eines einzigen Kükens. Der jugendliche Vogel ist mindestens drei Monate lang von seinen Eltern abhängig.

Bei Beginn des darauffolgenden Winters werden die Jungvögel unabhängig, jetzt beginnt eine Zeit der Wanderungen, die bis zum Erreichen der Geschlechtsreife im Alter von 5-6 Jahren dauert, es wird ein Revier gemeinam mit einem zweiten Exemplar gebildet oder aber ein Alttier in einem bestehenden Revier ersetzt. Es sind langlebige Vögel, die in Gefangenschaft bis zu 44 Jahre alt werden können, allerdings ist ihre Lebenserwartung in Freiheit sehr viel geringer.

Nur weniger als der Hälfte von Paaren, die eine Fortpflanzung versuchen, gelingt es Nachwuchs aufzuziehen. Diese Tatsache neben der hohen Todesrate und der geringen Ausbreitungskapazität erfordern Massnahmen zur Gewährleistung des Überlebens und langfristigen Lebensfähigkeit des Bestandes.

 
ERHALTUNG

Die Schutzmassnahmen der letzten Jahre haben die Stabilisierung der pyrenäischen Population als einziger mit zunehmender Tendenz in der gesamten westlichen Paläarktis ermöglicht. Seit 1994 werden dank der Unterstützung der Europäischen Union durch LIFE-Programme unter Mitwirkung mehrerer Regionalregierungen, des Umweltministeriums sowie von ehrenamtlichen Vereinigungen eine Reihe von Projekten verwirklicht, die wertvolle Informationen zur Ökologie dieser Tierart und hinsichtlich der Problematik zu ihrer Erhaltung geliefert haben. Es konnten Untersuchungen zur Populationsdynamik des pyrenäischen Bestandes und der wichtigsten Faktoren für die Fortpflanzung, der Überlebensraten der einzelnen Altersgruppen sowie der Grösse der Population durchgeführt werden. Massnahmen wie das Bewachen gefährdeter Brutgebiete, Markierung und das Verfolgen von mit Radiosendern ausgestatteter Exemplare, Zusatzfütterung sowie Informationskampagnen zur Verbreitung und Sensibilisierung der Öffentlichkeit führten zu einer Verringerung der Todesrate und zu einer Erhöhung der Überlebensrate von Jungtieren.

Parallel zur Wiederherstellung der Population in den Pyrenäen erfolgen neue Besiedlungen in den baskischen und Gebirgen Navarras, dazu kommen zahlreiche Beobachtungen von Bartgeiern in anderen Gebirgsregionen im Norden der iberischen Halbinsel wie dem Sistema Ibérico, Sistema Central und der Cordillera Cantábrica. Die Überwachung der pyrenäischen Population hat gezeigt, dass die Ausweitung des Lebensraumes vom Bartgeier zumeist mit der Schaffung von Luderplätzen einhergeht, sowie mit dem Vorhandensein von Altvögeln in der Nähe. Diese Tatsache hat in den Picos de Europa und dem Sistema Ibérico zur Anwendung von Techniken sozialer Attraktion geführt, hierbei werden Fortpflanzungsreviere durch das Aufstellen lebensgrosser Bartgeierattrappen und die Wiederherstellung ehemaliger Nester zur Anlockung und Konzentration der verstreuten Vögel vorgetäuscht. Damit wird versucht, die Tiere zur Koloniebildung an Gebiete in der Nachbarschaft der Pyrenäen zu binden, aus denen die Tierart durch anthropogene Einwirkung verschwunden ist und wo heute die notwendigen qualitativ hochwertigen Umweltbedingungen zur Gewährleistung ihrer Rückkehr geboten werden.

Der Wiederherstellung des Bartgeierbestandes in Spanien muss die Wiederherstellung der Berglebensräume vorangehen, hier spielt die Weidewirtschaft eine entscheidende Rolle für die Stabilität zahlreicher Arten von Fauna und Flora. Ebenso müssen gewisse verantwortungslose und mit dem Leben in freier Wildbahn unvereinbare Praktiken korrigiert werden, so etwa der Gifteinsatz im Freiland, der einen regelrechten Schlag für die Stabilität der Wildfaunapopulationen bedeutet, hier muss an das öffentliche Gewissen appelliert werden, um diese Vorgänge durch Umwelterziehung und Anklage bei den staatlichen Organen zu bekämpfen.

Das steigende Bildungsniveau und die erhöhte öffentliche Sensibilisierung für Umweltfragen sind die einzigen bekannten Mittel zur Erhaltung der zunehmend degenerierenden spanischen Ökosysteme. Die Tendenz der "modernen" Gesellschaften zu Entwicklungsmassnahmen wandelt die Landschaft schneller um, als die Natur selbst verkraften kann. Wir können nicht weiterhin Tierarten verdrängen, Landschaften umwandeln und vielfältige Lebensformen sinnlos vernichten, wir können nicht weiter in Richtung auf ein Lebensmodell voranschreiten, wo alles durch die egoistische Sichtweise "die Welt gehört uns" gerechtfertigt wird.

 
BEDROHUNGEN

 

Obwohl einige der Ursachen für das Aussterben des Bartgeiers und seine Bestandsabnahme praktisch ausgeschaltet sind, fehlt es auch heute nicht an Bedrohungen, die sein Überleben gefährden.

Die Beobachtung des spanischen Bartgeierbestandes hat die aktuellen Todesursachen aufgezeigt. Markierung und Verfolgung mittels Radiosender erlauben die Beobachtung und Ortung von Einzeltieren während bis zu 4 Jahren und über beachtliche Strecken. Die Untersuchung von 28 tot aufgefundenen Tieren in den letzten 20 Jahren in den Pyrenäen ergab 17 (60,7%) Vergiftungsfälle, 3 (10,7%) erschossene Tiere, 2 (17,1%) starben durch elektrische Schläge auf Strommasten und 1 (3,5%) kollidierte mit Stromkabeln, die Todesursache der übrigen ist unbekannt.

Die Haupttodesursache des Bartgeiers ist der illegale Gebrauch von Giftködern, der das Anwachsen der spanischen Population und seine Besiedlung neuer Gebiete ernsthaft gefährdet. Von dem Gift werden hauptsächlich Alttiere wegen ihrer grösseren Erfahrung beim Auffinden kleiner Futterquellen während des Fortpflanzungszyklus betroffen. Damit wird gerade der wertvollste Teil der Population mit der grössten Erfahrung und genauen Kenntnis seines Lebensraumes sowie seiner Fähigkeit zur Fortpflanzung getroffen.

Der Gebrauch des Giftes, seit 1995 als Delikt eingestuft, ist eine illegale Tätigkeit, die den wahllosen Tod Tausender von Wildtieren in Spanien verursacht, insbesondere Beutegreifer und Aasfresser, unter denen sich als vom Aussterben bedroht eingestufte Arten befinden. Diese Praxis beruht auf veralteten Methoden zur Begrenzung der Fauna in den Händen von Leuten und Institutionen mit wenig Erfahrung in der Handhabung der Fauna und unsensibel für die natürlichen Prozesse der spanischen Ökosysteme. Die Duldung dieser Praktiken hindert die spanische Gesellschaft an ihrem verfassungsmässigen Recht auf den Genuss der Umwelt.

Die zweite Ursache für unnatürliche Todesfälle in Spanien sind die Unfälle an elektrischen Stromleitungen in Bergregionen in der Nähe von Pässen oder Hängen in mittleren bis Hochlagen, denn diese Punkte werden bevorzugt überflogen. Kollisionen oder elektrische Schläge sind hier die Todesursachen. Die moderne Führung der Energieunternehmen gestattet im Einvernehmen mit der europäischen Gestzgebung die Anwendung von Korrekturmassnahmen, die die Auswirkungen auf die Fauna verringern. Die Mitwirkung dieses Sektors wird als grundlegend für eine erfolgreiche Wiederherstellung so bedrohter Tierartenbestände wie der des Bartgeiers angesehen.

Die illegale Jagd erscheint als einer der Hauptfaktoren für das Aussterben des Bartgeiers in seinem Verbreitungsgebiet. Diese Aggressionen kommen dank dem Artenschutz und der erhöhten Sensibilisierung und des Bewusstseins innerhalb der Jägerschaft immer seltener vor, die oftmals diese unzeitgemässen und gesetzeswidrigen Aktionen zur Anzeige bringen, da dadurch das Image der Jäger in der Öffentlichkeit in Mitleidenschaft gezogen wird. Die Achtung vor der Natur steht in direktem Zusammenhang mit dem kulturellen Horizont der Gesellschaft, die sie handhabt und geniesst.

Das Überleben des Bartgeiers ist gleichermassen gefährdet durch Faktoren wie die Veränderung und den Verlust von Lebensraum infolge grosser Baumassnahmen in den Bergen, direkte Störungen durch menschliche Aktivitäten in sensiblen Zonen wie Felsklüften oder grossen Felsabstürzen und ganz besonders durch die Aufgabe der traditionellen extensiven Viehzucht, an deren Stelle die intensive Form der Aufstallung tritt.

   
Text: Gerardo Baguena, Emma Sánchez, Fundación para la Conservación del Quebrantahuesos
Fotos: Fundación para la Conservación del Quebrantahuesos
Ilustrationen: Fernando Fueyo
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